To Love Me Is To Suffer Me
Gelesen im Winter 25/26 an der SoBar in Wien und an der Kunstnacht Kreuzlingen/Konstanz. Uneditiert online gestellt.
Die letzten Wochen, bevor ich meine Heimat verliess, verbrachte ich mit Spazieren. Ich wollte nochmals allem Bye sagen, was mich seit meiner Kindheit in der Ostschweiz begleitet hatte, den Spazierwegen, Sitzbänken, den Tankstellenshops, den Wäldern, dem Bodensee. Ich lief für Nostalgie oder Melancholie, aber alles was ich fand, war Ekel. Überall war ich schon verzweifelt und besoffen gewesen, von irgendwem angegriffen worden, Schwuchtel oder Transe, hiess es, und also lief ich mit jedem Tag schneller und weiter, lief bald zwei bis drei Stunden täglich, immer weiter und weiter und weiter. Wenn sich wer von mir verabschieden wollte, lud ich sie ein, mit mir mitzulaufen und so lief ich Tag für Tag mit Queers durch die Wälder des Thurgau und da ich viel weniger weit gereist war, als sie alle, wollten sie mir Tipps geben, für das neue Leben, für die Stadt, für Wien. M. wollte mit mir über Dating sprechen, irgendwie müsste ich ja Menschen kennenlernen, und also erzählte they mir von Green Flags und Red Flags und von einem Date, dass they kürzlich hatte: Das eine Gentri-Kaffee der Kleinstadt, saisonaler Sirup im Kaffee, alles cute, bis die Person them von ihrer Alkoholsucht erzählte, von Verletzungen, von Trauma, von Ängsten. Wir waren bereits zwei Stunden gelaufen, als they mir sagte, wie unangenehm they das fände, too much, much too much, eine Red Flag, sagte they und dass they das Date nicht mehr treffen werde. Ich lief stumm neben M. her, dem Waldrand entlang, weiter und weiter, neben uns Brennnesseln, in die ich mich bald selbst legen wollte:
I will lay where the greenery stings / and i can hear them, singing / «to love me is to suffer me» / and i do believe.
I really am like them, ich bin wie die Brennnesseln und wie das Date von M., I carry my hurt on my sleeve, ich bin halt krank, seit Jahren schon, seit Jahrzehnten vielleicht, und ich werde es auch bleiben, ein paar Jahre noch, ein paar Jahrzehnte vielleicht, und ich habs versucht zu verstecken, trust me, i tried, ich habe gelernt, von Date zu Date, von Spaziergang zu Spaziergang, dass auch ich too much bin, wenn ich erzähle, wie krank ich bin, wenn ich die Geschichte meiner Mutter erzähle, meine Geschichte erzähle, Schnapsflaschen und der Täter im Haus, oh, much too much, für mich natürlich, aber so oft auch für die anderen. Und gleichzeitig ist alles immer viel zu wenig, Hysterie ist immer beides, alles, ABCPTSD BPD USW, it has got its own alphabet, und dann halt Saufen und das Loch füllen, aber es ist bodenlos und die Hysterie ist es auch: Zu viel für M., zu viel für das ganze Alphabet, und also wurde ich stiller, und wenn mich etwas überkam, dann schwieg ich mich selbst aus der Situation heraus, wurde leise und wurde weniger. Ich versteckte all die Symptome, in der Kunst und im Weisswein, in Sex und Speed und vor allem in Stille. Ich wurde weniger und weniger, bis da nichts mehr war, das irgendwem zu viel sein könnte, aber bis da auch nichts mehr war, das man anfassen oder gar lieben könnte.
And I can hear them, singing / «To love me is to suffer me» / but no one shall suffer no more.
And so she lived, ich, dissociated ever after, und wie bei allen ever-afters gibt's nicht viel zu erzählen, ich versteckte meine Symptome wie Schnapsflaschen, wie Mutter ihre versteckte, wie die Mutter von Mutter ihre versteckte. Matrilinearität klingt immer so empowernd, aber soweit ich zurückschauen kann, seh ich da nur mich und meine Fehler, und wieder mich und wieder und wieder, und was vor der Mutter der Mutter lag, wurde mit der Religion begraben, mit Dokumenten verbrannt und wenn wer nachfragte, was davor kam, gab's Schweigen. Statt einem Stammbaum fand ich Brennnesseln.
Also machte ich mich selbst auf die Suche nach meinen Müttern, ich suchte die kranken Frauen, die hysterischen Frauen, suchte mir selbst eine Genealogie, all the many hysterical mothers of my heart, suchte Frauen, die überlebt haben, geheilt waren, die immer schon too much waren und schrieb mir sie in meine eigene Geschichte ein. Il faut que la femme s’écrive – die Frau muss sich selbst schreiben, muss sich selbst in den Text, in die Welt und in die Geschichte schreiben, unerlässlich sei es, schrieb Helène Cixous. Und dann zitierte sie: «we are all lesbians», und das tut jetzt nichts zur Sache, but we do love that. Aber der Titel des Textes: «Das Lachen der Medusa». Wie Medusa über all die grossen Männer der Geschichte der Psyche lacht, über Freud lacht, über Lacan lacht, über all die Männer lacht, die mir und dutzenden Generationen von Transen, von Frauen, Krankheit angeschriebenen haben, Mangel angeschrieben haben, und vor allem Scham angeschrieben haben, so viel Scham, Scham fürs too much sein und Scham fürs not enough sein, und — und dann aber kam Medusa und statt sich zu schämen, für die Gewalt die ihr angetan, statt sich zu schämen, vergewaltigt worden zu sein, wie es so viele Überlebende tun, statt sich zu schämen, für das was sie als Folge der Gewalt wurde: ein Monster, sick, crippled, disabled, a freak – statt sich zu verstecken, weniger zu werden, still zu werden, zu schweigen – stattdessen nun Medusa, die all der misogynen Menschheitsgeschichte ins Gesicht lacht. Medusa wurde die erste von vielen meiner Müttern und ich legte mich in ihre Arme, oh god save all the many hysterical mothers of my heart / our hearts persist in excess of the justice they're refused.
Nach Cixous las ich alles über Trauma und Gewalt, das ich finden konnte, las Judith Hermann und Janina Fisher und Michaela Huber, ich las alles über Arachne und Philomela und Spinnen und Brennnesseln, und setzte mich aus den Worten neu zusammen. Mit jedem Wort, das ich über meine Krankheit sprach, nahm ich wieder Form an, wurde Farbe, Kontur, Sprache, mir wuchsen Schlangen aus dem Kopf und Blätter aus den Armen. Aber je mehr ich wurde, desto weniger wurden die Menschen um mich herum, vor allem: Die Männer um mich herum. Sie gingen, als ich aufhörte zu trinken, aufhörte zu ziehen, aufhörte Mann zu sein, aufhörte, mich zu schämen, und mit jedem neuen Blatt, das mir wuchs, gingen mehr und mehr und mehr – bis ich irgendwann selbst ging, weiter, immer weiter, weit über die Wälder der Ostschweiz hinaus, mit der Westbahnstrecke bis nach Wien, weil ich nicht da heilen konnte, wo ich verletzt wurde, nicht da heilen konnte, wo ich zu viel war. Und also war ich plötzlich in einer neuen Stadt in einem neuen Land, wo alle die gleichen Wörter etwas anders aussprachen, ich mittendrin, mit meinen neuen Worten, meiner neuen Familie, meinem neuen Körper, mit Blättern und Brennhaaren, and i lay with the greenery that stings / and i can hear them, singing / «to love me is to suffer me» / and i still believed.
Bevor fight oder flight oder freeze oder fawn einsetzen, bevor aus überwältigender Gewalt Trauma wird, setzt unser Nervensystem die Bindungssuche ein. Is there anybody out there, like, someone, anyone? Und erst wenn niemand da ist, dann fallen wir in fight, flight, freeze, fawn, was auch immer, saufen, rennen, ficken – fuck. Und Heilung, so sagt mein neues geiles Trauma-Buch und so sagen es auch alle Traumabücher davor: Heilung ist das mit den Erinnerungen, EMI, EMDR; Heilung ist das mit den Symptomen, ACA, DBT – we've got our own alphabet – fight, flight, freeze, fawn in den Griff kriegen; und es ist aber auch das davor, oder eben das danach, von A bis Z: Das mit der Geschichte, das mit den Beziehungen, das mit der Bindung. Wenn ich heilen und neu vertrauen will, dann muss da was sein, das geliebt werden kann, dann muss da was sein, das lieben kann, irgendein Subjekt, I love you, noch so ein Buchstabe, aber was ist da noch übrig, nach Jahren, vielleicht Jahrzehnten weniger werden, is there anybody in there, ein «ich», wofür ich mich nicht schäme, sei es noch so too much, noch so hysterical, that is me, it always might be, Alkoholismus, Disorders, diesdas, fuck – alles red flags, sagen all die Buchstaben, red flags, hatte auch M. gesagt, bei dem Spaziergang, weiter, immer weiter, den Brennnesseln entlang. Hätte they mich berührt, damals, hätte es wohl kurz gebrannt, so wie alle Disabilities und alle Krankheiten die gesunden, die neurotypischen, die nicht-disabled Menschen kurz erschrecken: «this could be me», denken sie und ja: it will be you, everyone will become disabled at some point, aber das ist so scary, also husch, husch, weg damit, aus dem Blick, aus dem Sinn, eine red flag, «I can hear them singing» / and I believed. Der kranken, der disabled Medusa in die Augen zu sehen, bedeutet, darin die Möglichkeit zu sehen, selbst krank zu werden, die eigene Verletzlichkeit zu sehen. Und natürlich, that is scary, I might be scary, aber die Verletzlichkeit ist genau das, was Intimität möglich macht. Für mich, für viele Kranke, für viele, die auf Care angewiesen sind — «the intimacy i so desire cannot be spoken without risking pathologization», schreibt Margeaux Feldmann in «Touch me, I'm Sick». Und genau so wenig kann ich Liebe und Nähe erleben, meine Bedürfnisse und Ängste aussprechen, ohne die Gefahr, pathologisiert zu werden. Und trotzdem, und genau deswegen: I need to love, oh, I dare to love, ja, Pathos, I don't give a fuck, ich muss lieben, wegen der Traumatheorie, ich muss lieben um neu vertrauen zu können, ich muss lieben, um heilen zu können und – auch weil verliebt sein und crushes haben so unheimlich viel Spass macht, mich zum Lachen bringt, und wenn Medusa lachen kann, dann kann ich das auch, you just watch me go.
Und also, fortan, wenn ich wen treffe, wenn ich mich ein bisschen verknalle, dann werd ich da sein, mit allem, too much, I don't care, I try to carry my hurt on my sleeve and my heart on my skin. Wenn ich mit wem gemeinsam sein will, dann muss die Person mich sehen, all of me, mit Angst und Krankheit, Pathologie und Pathos, mit Sucht, Queerness, Liebe und Brennnesseln. Cixous schreibt: «Es reicht Medusa ins Gesicht zu schauen um sie zu sehen: und sie ist nicht tödlich. Sie ist schön und sie lacht». And so i will sprinkle my hurt all over our dates, und bitte, just stay for a minute and watch, I will sprinkle my hurt all unseren Abendspaziergängen und dem ganzen Ufer entlang. I will let my guard fall, wie die Herbstblätter im Innenhof, I will sprinkle my hurt vom Bodensee der Westbahnstrecke entlang bis nach Wien, und vielleicht, irgendwann, auch wieder zurück. Und überall da, wo die kleinen sprinkles of love and fear and hurt landen, da wachsen Brennnesseln und wenn wir gemeinsam und vorsichtig hinsehen, dann lernen wir, wie wir sie anfassen können, wie wir uns anfassen können, ohne dass wir uns weh tun, sondern so, dass wir heilen, Stück für Stück, und dann nehmen wir sie in die Hand, die Ängste und Krankheiten, nehmen unsere Hände in die Hand, nehmen die Brennnesseln in die Hand, wir streicheln sie und sie streicheln uns, wir sehen sie und sie sehen uns, und sie heilen dich und sie heilen mich und sie heilen uns und sie heilen alles um uns herum – and there will be love / we will lay with the greenery that stings / and we will hear them, singing / «To love me is to suffer me» / but still / still we fall / we will fall in love / we will fall in love again and again / fall in love again and again / fall in love again and again and again – um uns herum Brennnesseln.